Philosophische Aspekte der Zeit

 

Zeit wird philosophisch oft nur als Gegensatz zur Ewigkeit verstanden, besonders in der Metaphysik abwertend als Entstehen und Vergehen, als Vergänglichkeit.

 

Bei Aristoteles
Ideal der höchsten Verwirklichung des Lebens:

               ENTHOBENSEIN

               NICHTTÄTIGKEIT

               THEORIA

Ebenso bei Henri Bergson
"Frei handeln heißt sich in die reine Dauer zurückversetzen."

Positive Bewertung erfährt die Zeit vor allem bei:

               AUGUSTINUS

               KANT

               HEGEL

               HEIDEGGER

 

 

Der Zeitaspekt in der Philosophie des Augustinus

Aurelius Augustinus (geb. 354 in Thagaste in Numibien, gest. 430 in Hippo Regius) hat im Rückblich auf seinen bewegten Lebenswandel dem Ablauf der Zeit hohe Bedeutung zugemessen.Vom lebenslustigen jungen Mann (Lebensgemeinschaft mit Floria, wird mit 19 Vater) zum intellektuellen Sucher und Lehrenden (Rhetorikprofessur in Mailand, Anschluss an Manichaer), vom Rückzug in die Askese (Taufe, die "soliloquiae" entstehen) bis zum soziale Verantwortung tragenden Kirchenmann (Bischof von Hippo Regius) hat Augustinus alle zeitlichen Stationen seines Lebens in seinem Hauptwerk, den "CONFESSIONES" niedergeschrieben.

Sie umfassen 13 Bücher: Band 1 bis 9 umfasst die Lebens- und Seelengeschichte des Augustinus, Band 10 die Gegenwartssituation des Schreibenden seit dem Tod seiner Mutter, Band 11, 12 und 13 sind scheinbar nur Auslegungen des Schöpfungsberichtes, stehen aber sehr wohl in engem Zusammenhang mit seinem persönlichen Leben. 

S. Botticelli (1445-1510): Augustinus beim Philosophieren
 Biographie und Bildquelle

 

In den "Confessiones", besonders aber in den letzten drei Bänden entwickelt Augustinus seine Gedanken über

Zeit

Gedächtnis

Ewigkeit

Zeit ist für Augustinus nur ein Phänomen innerhalb der Schöpfung. Für Gott ist alles Gegenwart. Anfang und Ende aller Dinge ruhen von Ewigkeit an in ihm.

Das Gedächntnis ist die Fähigkeit des Menschen, Zeit bewusst zu erleben (s. die Confessiones = Bekenntnisse, Soliloquia = Selbstgespräche). Er-innern führt zur Vergegenwärtigung von Vergangenem und ist damit eine Fähigkeit, die schon fast der göttlichen Aufhebung aller Zeit nahe kommt. Erst durch lange und manchmal schmerzhafte Erinnerungsprozesse wird Augustinus der Sinn der eigenen Jugenderfahrungen (die ihm im Rückblick zunächst sündhaft und töricht erschienen sind) und der gesamten lebensgeschichtlichen Entwicklungsprozesse bewusst.

Zeit ist für ihn eine Ausdehnung der menschlichen Seele, die sich erinnert (Vergangenheit), wahrnimmt (Gegenwart) und erwartet (Zukunft). Mit dem Älterwerden schmilzt die Erwartung und wächst die Erinnerung. Gegenwart muss in Vergangenheit übergehen, um Dauer zu gewinnen. Ohne Gedächtnis würde sich die Seele nie eines beharrenden Seins bewusst. Die Seele aber strebt nach Verewigung, nach der Aufhebung der Zeit. Durch den Akt der Erinnerns bekommt der Mensch eine Ahnung von der Zeitlosigkeit Gottes, die letzte Selbstbesinnung der Seele auf ihren göttlichen Ursprung ist allerdings nur durch Gnade möglich.

Der zeitliche Ablauf des Schöpfungsberichtes ist nach Augustinus nicht wörtlich zu nehmen: Die Schöpfung wurde vor aller Zeit, im Ganzen und auf einmal vollzogen. In Gott ruht alles Zeitliche in ewig beschlossener Vollendung. Nur für den der Zeitlichkeit unterworfenen Menschen ist diese Hilfskonstruktion notwendig.

Philosophie wird somit für Augustinus zu einem Prozess der Selbsterkenntnis und Selbstfindung in Form von Rück - Er - Innerungen. So lernt er auch die Bedeutung seines "wüsten" Lebens in der Jugend als Vorstufe göttlicher Fürsorge zu akzeptieren.

Als literarische  Entsprechung findet sich dazu ein Gedicht von Andreas Gryphius, der im 17. Jhd. seine Gedanken zu Zeit und Vergänglichkeit des Menschen so ausdrückte:

" Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen;

Mein sind die Tage nicht, die etwa möchten kommen;

Der Augenblick ist mein, und nehm ich den in acht,

So ist der mein, der Jahr und Ewigkeit gemacht."

 

 

Der Zeitaspekt in der Philosophie von Immanuel Kant

Immanuel Kant  (1724 - 1804) gilt als Begründer des KRITISCHEN IDEALISMUS. In seinem Buch "DIE KRITIK DER REINEN VERNUNFT" behandelt er vor allem Fragen der Erkenntnisphilosophie. Er versucht dabei die gegensätzlichen Standpunkte der traditionellen philosophischen Richtungen des Empirismus und des Rationalismus zu überwinden und zu  verbinden:

Empirismus

Alles, was der Mensch weiß, muss zunächst in mühsamen Lernprozessen und durch Erfahrungen mit der Umwelt erobert werden.

Rationalismus, subj. Idealismus

Es gibt Vernunftwissen, das der Mensch vor aller Erfahrung und unabhängig von Lernprozessen schon hat und bereits bei der Geburt mitbringt.

  

Kants kritischer Idealismus

Menschliche Erkenntnis setzt sich immer aus zwei grundlegenden Fähigkeiten zusammen:

A priori - Fähigkeiten: Fähigkeiten, "Wissen", Strukturen, die der Mensch als Grundlagen für spätere Lernmöglichkeiten von Anfang an mitbringt. Die "Hardware" des menschlichen Geistes.

A posteriori - Fähigkeiten: Die Fähigkeit, von unserer Umwelt zu lernen und Erfahrungen zu sammeln. Die "Software" des menschlichen Geistes.

                   

Für Kant gibt es also keine Erkenntnis ohne das Zusammenspiel beider Fähigkeiten: "Anschauungen ohne Begriffe sind blind, Begriffe ohne Anschauung sind leer." Das heißt: Erkenntnis ist nur durch Erfahrung möglich, die Erfahrung selbst aber basiert immer auf apriori - Fähigkeiten.

Für Kant sind also immer verschiedene Voraussetzungen notwendig: Anschauen, Begreifen und Lernen (Erfahrungen sammeln). Alles, was der Mensch wahrnimmt, nimmt er in räumlichen und zeitlichen Dimensionen wahr. Nur so und nicht anders ist menschliches Erkennen möglich. Dieses charakterisierende Merkmal gilt für alle Menschen immer und überall.

Zeit ist daher bei Kant als die menschliche Fähigkeit definiert, die Dinge im Fließen zu erleben und den Ablauf von Vorgängen als Nacheinander zu erkennen. Erkenntnis ist nur innerhalb von Zeit- und Raumdimensionen möglich und ist damit den subjektiven menschlichen Voraussetzungen unterworfen.

 

 

Georg Wilhelm Friedrich Hegel

 

Hegel setzt Zeit und Geist gleich. Zeit ist die Entfaltung des absoluten Geistes.

Zeit ist für ihn das Hervorbringen der Geschichte durch die Gesellschaft. Die Geschichte selbst verläuft nicht kontinuierlich, sondern in Dreierschritten - dialektisch. Die Gegenwart enthält in sich die Vergangenheit und ist bereits Vorwegnahme der Zukunft.

Das dialektische Geschichtsmodell Hegels ist dynamisch: Jede Entwicklung bedeutet Bewegung in räumlichen und zeitlichen Kategorien. Diese Bewegung verläuft allerdings nicht geradlinig (=kontinuierlich), sondern sprunghaft und in Gegensätzen (= dialektisch).

Dabei zeigt sich der sog. dialektische Dreischritt:

Dialektik ist also nicht eine bloße Denktechnik, sondern die wahre Natur des Denkens und der Dinge. Sobald im Denken und Sein ein bestimmter Zustand (These) erreicht ist, schlägt er in sein Gegenteil (Antithese) um, woraus sich ein dritter Zustand (Synthese) ergibt, der die vorhergehenden zwar enthält, aber auch über sie hinausgeht.

Für Hegel bedeutet dieser Dreischritt im Wesentlichen den Weg des absoluten Geistes:  Von der Einheit der Welt mit dem Weltgeist (These) über dessen Entfremdung (Antithese) bis zur absoluten Rückkehr und Harmonie von Welt und Weltgeist (Synthese).

Zeit ist also für Hegel keine Qualität, die an die menschliche Wahrnehmung gebunden ist, prägt aber ihrerseits sehr wohl jede Art von menschlicher Erkenntnis und Weltgestaltung.

G. Keller drückt dies in einem Gedicht so aus:

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist die Karawanserei,
Wir sind die Pilger drin.

 

 

Martin Heidegger

Heidegger behandelt das Thema "Zeit" vor allem in seinem Hauptwerk "Sein und Zeit".

Heideggers Vokabular und seine sehr spezielle Begrifflichkeit erschweren den Zugang zu seinem Denken, dennoch hatte seine Analyse der menschlichen Existenz große Wirkung auf die Philosophie seiner Zeit.

Wichtig ist seine Unterscheidung zwischen dem "SEIN" an sich und dem konkreten Seienden in den vielfältigen Ausformungen. Der Mensch hat als einzig Seiendes ein besonderes Selbstverständnis von und zu seinem Sein. Er kann sich seines Seins bewusst werden und die Dynamik des Seins als Ganzheit von "gewesen-gegenwärtiger Zukunft" verstehen.             

Damit ist auch der spezifisch zeitliche Charakter des Existierens gemeint. Existieren ist nie nur gegenwärtig, sondern wird durch Vergangenes und vor allem durch den Entwurf in die Zukunft geprägt. (Zukunftsorientiertes Modell).

Entscheidend ist dabei, dass der Mensch nicht durch eine vorgegebene Natur gekennzeichnet ist, sondern durch die Art, wie er sein "In-der-Welt-Sein" vertritt, sein Verhältnis zu den Dingen und besonders zu den Mitmenschen. Das Sein als solches kann sich im Menschen zeigen, wenn dieser sein "Sein-Können" nützt, indem er alle Möglichkeiten ergreift, sich dieses Seins bewusst zu werden.

Zeit wird bei Heidegger vor allem im Sinn von Zeitlichkeit, Endlichkeit und Begrenztheit verstanden, allerdings nicht negativ, sondern durchaus positiv gemeint. Erst indem wir uns bewusst machen, sterben zu müssen, ergreifen wir unsere ureigenste Möglichkeit. Erst das Bewusstsein des Todes ruft den Menschen zur eigenen Selbstbestimmung und Entfaltung der eigenen Möglichkeiten auf. Jetzt erst vollzieht er die "Zeitigung der Zeitlichkeit" - er vollzieht die eigene endliche Existenz  in der gemeinsamen Welt mit anderen.

Heidegger kritisiert die Verabsolutierung der Gegenwart. Gerade indem wir unsere zeitliche Begrenztheit akzeptieren, erleben wir den Wert des begrenzten Lebens und verstehen Geschichtlichkeit neu: 

Das "Ge-wesene" ist das noch Wirkende, was den Menschen (individuell oder in der Gemeinschaft) zum "Wider-ruf" oder zur "Wiederholung" von nicht entfalteten Möglichkeitenaufruft.

 

 

Quellen: Glocker: Europ. Philosophie / Weischedel: Phil. Hintergtreppe/ Enzyklopädie der Phil.